Herbst-Ausflug

lissy-beauty-autumn---2zxDa-4gsSd---normal

     Schließlich hielt Roland das Auto an, nahm den Einkauf, eine Decke und schritt Hanna über einen Ackertrampelpfad voran.

      Nach einer Biegung entfaltete sich dann ein bezauberndes Bild – der Zusammenfluss der dunkleren March und der helleren Donau.
Die Sonne spiegelte sich auf der Wasseroberfläche, brach sich in leichten, von vorbeifahrenden Schiffen ausgelösten Wellen und lief wie sich in tausende Diamanten zersplitternd am Ufer auf den Steinen aus.
Im seichten Wasser balancierte ein Reiher auf einem Bein, wie eine auf der Lauer liegende Statue. Es war ein so schöner Anblick, der sich Hanna bot, dass sie nur leise aufseufzte, und sie stumm machte für diesen Moment wie ein Wunder.

     Roland nahm ihre sprachlose Begeisterung wahr und schwieg, genau so entzückt von dem Panorama, wobei seine Augen auch ihre Gestalt miteinbezogen. Hanna fühlte es, ohne ihn ansehen zu müssen und spürte, wie vor Verlegenheit aufsteigende Wärme ihren Körper flutete.
     Oder nein, nicht nur undefinierbares Unbehagen, da war noch ein unbekanntes Prickeln – wie ein elektrischer Reiz, der die Härchen auf den Armen aufstellte und sich wellenartig im ganzen Körper ausbreitete, um eine Unruhe zu hinterlassen und eine Sehnsucht, die sie nicht in Worte fassen konnte.

     Ein Nachmittag mit einem Picknick verbracht – das klang so banal. Es war weit mehr. Es war ein Weben von Fäden, ein verhaltenes Werben, ein unschuldiges Zögern. Es war etwas vollkommen Neues und doch so alt wie die Menschheit. Eine Melodie, von Hanna und Roland frisch gefunden, sich zu eigen gemacht und nie mehr verloren.

      Einzigartige Stunden, die Hanna nie mehr vergessen sollte.

Cool-lake---2zxDa-4gsJD---normal

 

 

 

Liebe im Herbst

lissy-autumn-window---2zxDa-4gt4K---normal

      Hanna hörte ihm aufmerksam zu und spürte die milde Herbstsonne auf ihrem Gesicht, die den Himmel in einem intensiven, tiefen Blau aufstrahlen ließ, das Rolands graublaue Augen in seinem faszinierenden Leuchten unterstützte.

     Meine Güte, wie wirkte dieser Mann so heiter, entspannt und in seinem ganzen Wesen einnehmend, schoss es ihr durch den Kopf. Sein leises Lachen streichelte ihre Haut und seine wohlklingende Stimme vibrierte in ihrem Kopf.

     Überwach und doch wie verzaubert ging Hanna neben ihm, ein verträumtes Lächeln im Gesicht. Sie fühlte sich leicht, fast schwerelos und – nicht nur von den Sonnenstrahlen – bis ins Innerste erwärmt, von einer Hitze, die das Blut schneller durch ihre Adern trieb.

     Jeder Moment dieses Tages fühlte sich wie in Gold getaucht an.

BEAUTIFUL-FALL----2zxDa-4gst6---normal

Muttertag

Bild-1-f-HP

    

     Der frische Wind weht kühl durch ihr Haar. Hanna steht still da, fast verloren zwischen den Gräberreihen. In Händen hält sie eine Terracotta-Schale, bepflanzt mit Vergissmeinnicht und kleinen Rosen.
     All die schreiend bunten Werbeflyer und auf Gefühle oder schlechtes Gewissen abzielenden Spots huschen durch ihren Kopf. Niedlich gekleidete Kinder mit einem einstudierten Gedicht auf den Lippen und die dazugehörigen Väter mit ein wenig Unbehagen in der Miene oder pflichtschuldig absolvierte Besuche mit einem krampfhaft ausgesuchten Geschenk im Arm oder vielleicht überhaupt verweigerte Besonderheit für diesen speziellen Tag, den Muttertag.

     Nein, sie selbst hat das nie erlebt und würde es auch nie, es war ihr nicht vergönnt worden – von wem auch immer; ihrem Körper, ihrem zu wenig vorhandenen Wunsch, dem Schicksal?

     Hanna blinzelt die Tränen weg, als all die Erinnerungen auf sie einstürzen. Die Strenge, manchmal Unbarmherzigkeit, das oftmals liebevolle Lächeln, die herausfordernden Worte, die Belehrungen, das gelegentliche Lob und die Ambivalenz der gesamten Gefühlspalette. Sie hätte alles, wirklich alles nochmals zurückzuholen gewünscht; doch der Sand der Zeit war durch das Glas der Uhr geronnen, unwiederbringlich.
     Kalt läuft es über ihren Rücken, sie fröstelt. Ist ein Leben wirklich erst zu Ende, wenn alle Kurven auf Überwachungsmonitoren eine gerade Linie bilden? Oder endet es nicht schon viel früher, wenn nichts – nicht einmal mehr die Stimmen von geliebten Menschen – mehr das Bewusstsein zu durchdringen scheinen? Wenn nur mehr ein Körper, abgezehrt und verheert von Krankheit und bis zur Unkenntlichkeit den Erinnerungen entfremdet, vor einem liegt.
     Wenn Hilflosigkeit absolut wird und Ausgeliefertsein die einzige Option ist. Wenn sich die Augen schließen, weil das Sehen unerträglich ist und nichts Erleichterung bringt, keine Tränen, kein Gebet, einfach nichts. 
     Gerüche und Bilder von Ende und Auflösung im Gedächtnis verankert, mit Fragen und Antworten zu einem sich immer schneller drehenden Karussell verbunden.

Bild-9-f-HP

     Ihre Finger tasten über den weiß-schwarzen Marmor, stellen den Blumengruß ab, der auf der großen Deckplatte so verloren, ja unbeholfen wirkt.  Die Kühle des Steins kriecht durch ihre Adern und wie Eis umklammert es ihr Herz. Die Wolken am Himmel werden immer dunkler, schwerer. Doch sie spürt nicht die Tropfen auf ihrem Körper, die sich jetzt lautlos mit den Tränen auf ihren Wangen vermischen. Langsam löst sich der Kreis ihres Denkens auf, zerrinnt in Nichts, bis sie vollkommen leer ist. 

Automatisch setzt Hanna schließlich einen Schritt nach dem anderen – mit einem letzten Bick zurück, voller Trauer, Verzweiflung und unsterblicher Liebe.

     Frühling webt sein zartes Band

Bild-25-f-HP

     Plötzlich weht der Wind kleine Wölkchen loser, zartweißer Blüten über ihre Haare und vor ihre Füße. Vorsichtig hebt Hanna einige auf, betrachtet sie verträumt und kann doch nicht diese Gedanken abwehren, die ihr in dieser Jahreszeit immer wieder durch den Kopf gehen.
     Wie viele Jahre werde ich noch im Frühling die Bäume sprießen und den Blütenregen fliegen sehen? Wie oft ist mein Mann dann an meiner Seite? Wie lange sind meine bellenden Vierbeiner noch meine Begleiter?

     Sie weiß, dass es darauf keine Antwort gibt und kann doch das Grübeln darüber nicht abschütteln.
     Ein Schmetterling flattert vergnügt vor ihren Augen, hält kurz bei einer Blume inne und verharrt im Flügelschlag, um dann leicht schwebend davonzutanzen. Ach, sich genau so frei und unbeschwert fühlen können!
     Bild-28-f-HP

     Seufzend sieht Hanna einer frechen Kohlmeise nach, die sich nach dem erfrischenden Bad in der Vogeltränke lebensfroh in die Luft erhebt und Richtung dem strahlend blauen Himmel entschwindet. Sie würde am liebsten sofort mitfliegen.

     Die Augen schließen und sich davontragen lassen, aus der Begrenzung und dem Einerlei, hin zu mehr Freiheit und liebevoller Wärme.

 

Bild-3-HP    Gefangene Seele

     Langsam schlenderte Hanna durch ihren Garten, ließ ihren Blick über die Fülle ihrer blühenden Rosen schweifen. Dornröschen fiel ihr spontan ein und ein wehmütiges Lächeln zauberte sich auf ihr Gesicht. Meine Güte, wie jung, unbekümmert, ja unschuldig war sie gewesen, als sie die Märchen in sich aufgesaugt hatte.
     Stets hatte sie sich wie die Heldin in all diesen Geschichten gefühlt - schlank, schön, begehrt und geliebt von der einzig wahren Liebe ihres Lebens, einem feschen Prinzen. Sie hatte an das Gute geglaubt, an Gerechtigkeit und die Möglichkeit, gesteckte Ziele zu erreichen oder sich ersehnte Hoffnungen zu erfüllen. 

     Nun, das Leben hatte sie eines Besseren belehrt, sie mit der rauen Realität konfrontiert. Nicht nur Träume zerstört, sondern ihr in viel zu vielen Momenten auch Qualen auferlegt, eine persönliche Hölle an kaum zu ertragenden Gefühlen - von Unzulänglichkeit, Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein und Hoffnungslosigkeit.
     Doch sie war immer wieder aufgestanden, hatte gekämpft, für sich und andere. Aber der stete Kampf hatte Kraft gekostet. Sicher, ihr Garten, diese zeitweilig so herrlich blühende Oase, schenkte ihr wieder Energie und die treu blickenden Augen ihrer beiden Fellnasen. Nur es war zu wenig, es blieb diese innere Leere, die sich nicht füllen ließ. 
     Ihr Mann als ihr bester Freund und ein paar engste Vertraute waren ein Stützkorsett. Nur die Wärme, die sie überfluten sollte, die Leidenschaft, die einen Tag perfekt zu machen imstande war, einfach die alles umfassende Liebe, die einen durchs Leben trug und einhüllte wie in einen Mantel aus weicher Wolle als schützenden Kokon, die fehlten ihr. Mehr, als Hanna zuzugeben bereit war. Mehr, als sie jemals offen eingestehen würde.
     Was blieb, war die verborgene Wahrheit und die ohne Zögern erklärte Lüge, dass alles bestens war und es ihr gut ginge - mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht. Denn die Dunkelheit der Seele blieb verborgen, das weinende Herz sah man nicht.

Login

Copyright © 2016. All Rights Reserved.